Gedanken von Moritz Graf Esterházy

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Einleitung

Folgendes schrieb Graf Moritz Esterházy zu Ostern 1959 (ein Jahr vor seinem Tod) im Wiener Exil bei seinem Cousin Paul Esterházy (Bruder von Kasimir, Linie Altsohl).Moritz ist Großvater des Schriftstellers Graf Péter Esterházy. Er war der letzte von Kaiser und König Karl berufene Ministerpräsident Ungarns. Neben Enteignung und Deportation musste er zum Ende seines Lebens, bis auf seine Tochter, seine gesamte Familie in Ungarn zurücklassen.

Gedanken von Moritz Graf Esterházy

Einige Gedanken, so gut oder so schlecht mir dies infolge mangelhafter Beherrschung der Sprache möglich, zu Papier gebracht. Hoffe, wenn auch von einigen missverstanden, doch wenigstens verstanden zu werden.

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Bald kamen tragische, grauenhafte Zeiten, und so manches verschwand in einer Weise und in einem Ausmaße, wie wir dies am Derbytag 1909 nicht erträumt hätten. Anderseits entstand hier und auch anderwärts im engsten Sinne des Wortes:" Noch nie Dagewesenes", nicht nur politisch, sozial, sondern auch wirtschaftlich und technisch.

Auch ich wurde zur Änderung meines Berufes und Aufenthaltsortes veranlasst. Unter anderem bekam ich eines Tages als Quartier einen engen, unterirdischen, jedoch grell beleuchteten Raum zugewiesen, inclusive Pritsche und Essschale, auch Schloß und Riegel fehlten nicht. Das ewige Licht der unerbitterlichen Birne gab mir genügend Gelegenheit zu raten, ob es nun Tag oder Nacht sei, im Freien Regen oder Sonnenschein? Da Waschgelegenheiten allerdings genügend vorhanden, wurde ich - wie es der Engländer so treffend sagt "brain washing" unterzogen. Es wurde mir klar gemacht, warum, weshalb ich 30 Stufen unter der Erde, in einer Betonkammer verwahrt war.

Erstens: adelig geboren, daher mit der doppelten Dosis der Erbsünde belastet, nicht gewillt an der Verwirklichung der vom Führer angekündigten tausendjährigen Zukunft, einer mir fremden Macht mitzuwirken, ein Sprosse derer, die bei der "Erbeutung der Handschuhe von Sanssoucie" mitkämpften.

Zweitens: dem Namen nach äußerst verdächtig, von der Königin und mutmaßlichen Schriftstellerin Eszther abzustammen, in deren Buch sowohl das wohlverdiente, tragische Ende Amans - der ja alle Juden an ein und demselben Tag erwürgen lassen wollte - wie auch die Abschrift der glücklicherweise nicht verwechselten Briefe Ashverus zu lesen sind.

Drittens: laut Familienchronic "Tropheum Domus" 1701, reicht unsere Ahnenreihe nachweisbar noch weiter als Esther, bis zu dem weltberühmten jüdischen Navigator und Züchter pazifistischer Taubenart, namens Noah. Der Freiheit daher total unwürdig, wurde ich "Sitzen" gelassen, der Obhut der schützenden Haft - anvertraut.

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Namen, deren historischer Glanz weder die Sonne der Aufklärung gebleicht hat, noch vom Strom der Zeit weggeschwemmt wurden, eigenen sich vorzüglich, die Namen derjenigen bekannt zu machen, denen dies durch abfällige Kritik und Herabsetzung der ersteren gelingt.

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Rennweg 2, Ostern . 59.

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